Begegnung mit einem Wildkalb

Ich war schon sehr verwundert, als ich beim letzten, stärkeren, Schneefall Mitte Februar zur gemischten Wildfütterung ging um zu kontrollieren und notwendiges Futter nachzufüllen. Auf dem Weg vom Auto zur Fütterung, ca. 200m entfernt, bemerkte ich Bewegung in der Umzäunung der Rehwildfütterung. Der Swarovski Feldstecher zeigte mit, dass ein Schmaltier oder Wildkalb in der eingezäunten Futterstelle ist und eine Möglichkeit suchte daraus zu entkommen. (Es ist mir ein Rätsel wie es dort hingekommen ist).

Die drei Jagdgebrauchshunde, Deutsche Jagdterrier von der Nordkette (Conny, Dani und Josefine) habe ich gleich außer Sichtweite vom Wild an einem Baum abgelegt und festgebunden, um für das Wild keinen weiteren Stress zu entwickeln.

Nun ging ich langsam, möglichst gedeckt und auf die Luftströmung achtend zum unfreiwilligen Gefängnis des jungen Rotwildes. Auf ca. zehn Meter herangekommen bestätigte sich die Annahme auf ein Wildkalb, das beinahe die Größe eines Schmaltieres hat. Panisches drängen und bemühen des Tieres, das nun schon bis zum Hinterteil zwischen den Latten durchgezwengt war, aber nun nicht mehr weiterkam, veranlasste mich mit beruhigenden Worten und langsamen Schritten näher kommend eine Lösung für das Problem zu finden.

Nun waren wir beide allein, das ängstliche Wildkalb und ich, am Zaun der Wildfütterung.

Langsame Griff ich mit meiner Hand auf das Haupt des Tieres hinter die Lauscher und begann es mit beruhigenden Worten zu kraulen. Diese Aktion meinerseits veranlasste das verschreckte Tier langsam auf den Boden zu gehen und wie gebannt abzuwarten. Meine beruhigenden Worte und die kraulende Hand hinter den Lauschern wirkten wie ein Zauber. Die Worte hat es wahrscheinlich nicht verstanden, aber meine gute Absicht war für das Kalb offensichtlich.

Die Latten des Zaunes waren so fest verschraubt, dass ich keine losreißen konnte, daher half nur die kleine Säge an meinem Kombijagdmesser, womit ich eine Latte durchsägte und löste.

Das Kalb lag bewegungslos am Boden, betrachtete mich bei meiner Arbeit mit großen verschreckten Lichtern. Es brauchte nun eine ruhige Aufforderung: „Nun geh!“. Ein langes Betteln war nicht erforderlich, denn mit ein paar zögernden Fluchten war die Freiheit wieder unter den schlaksigen Läufen des befreiten Wildkalbes.

Dann, nach ca. 30m ein kleiner Halt, ein ungläubiger Blick zurück mit Dankbarkeit im Ausdruck, zog das junge Wildkalb mit langsamen Trott in den Wald.

 

Mein Wunsch für eine gute Zeit begleiten das gerettete junge Stück Rotwild, das als Dank wohl keine Baumrinden schält oder andere Schäden verursacht, bis es irgendwann einem Jagdpflichtabschuss zum Opfer fällt.

 

Waidmannsheil

 

Aufsichtsjäger Josef Siedler

 

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